Aufbruch
Aus dem Lärchenwald

Der erste freie Blick auf das Ziel, noch aus dem Lärchenwald heraus. Der Gipfel steckt schon in den Quellwolken — damit war eigentlich klar, wie der Tag ausgeht.
LogbucheintragSternzeit 17. Juli 2026★ 26539.7
Eigentlich wäre die Marmolada an der Reihe gewesen. Da die Wetterlage instabil war, bin ich auf den Cristallo umgestiegen: vom Passo Tre Croci über die Forststraße 203 und den Steig 221 ins Schuttkar hinauf zur Cristalloscharte, danach über Bänder und Rinnen durch die Ostwand zum Südgrat — Kletterei bis zum oberen zweiten Grad, ein paar Stellen mit Fixseilen versichert, dazwischen brüchiger Fels.
Keine der bekannten Cristallo-Routen führt auf den Hauptgipfel. Die beiden Via Ferratas der Gruppe enden woanders: die Via Ferrata Marino Bianchi zieht von der Forcella Staunies auf den Cristallo di Mezzo, 3.150 m — den bin ich im Jahr davor über genau diesen Steig gegangen —, und die Via Ferrata Ivano Dibona quert den ganzen Westgrat des Massivs, den Zurlonkamm, auf den Steiganlagen des Ersten Weltkriegs — mit Leitern, einem Tunnel und der dreißig Meter langen Hängebrücke Ponte Cristallo. Technisch ist sie nicht schwer, aber lang: für die Runde von der Capanna Rio Gere herauf rechnet man achteinhalb Stunden, dazwischen liegen verfallene Stellungen am ganzen Kamm. Beide sind entsprechend gut besucht.
Auf dem Hauptgipfel auf 3.221 m stehen dagegen im ganzen Jahr vielleicht dreißig bis vierzig Leute. Das liegt weniger an der Schwierigkeit, die bei richtiger Routenfindung nie über den zweiten Grad hinausgeht, als am langen Zustieg durchs steile Schuttkar und an der Wegfindung in der Wand — und daran, dass es kein Biwak und keine Hütte gibt, um den Anstieg auf zwei Tage zu teilen.
Ab der Scharte hing die Wolke in der Wand und ist bis zum Gipfel nicht mehr weggegangen. Vom Kreuz auf 3.221 m aus war nichts zu sehen als Weiß — zehn Minuten später stand der Grat frei über einem geschlossenen Wolkenmeer.
Zu klettern gibt es einiges — nicht nur ein paar einzelne Stellen, sondern über weite Teile der Ostwand — und man braucht dafür alpines Gespür. Die Fixseile habe ich nicht gebraucht, ich bin die Route durchgehend frei gegangen. Wer die beiden Ferrate auf die Nebengipfel kennt, trifft hier auf etwas ganz anderes: die Sicherungen sind spärlich, keine Leitern, keine Brücke, sondern Steinmänner und eine nicht immer leichte Wegfindung. Mich beschäftigt bei so einer Tour immer, wie das gewesen sein muss, als hier zum ersten Mal jemand hinaufgestiegen ist und sich die Linie selber gesucht hat. Heute findet man so etwas kaum mehr.
Aufbruch

Der erste freie Blick auf das Ziel, noch aus dem Lärchenwald heraus. Der Gipfel steckt schon in den Quellwolken — damit war eigentlich klar, wie der Tag ausgeht.
Zustieg

Der Steig zieht durch die Latschen, im Rücken das Talbecken mit Cortina. Zwischen den Latschen steht eine brutal drückende Hitze — kein Schatten, kein Wind. Ich habe ernsthaft überlegt umzudrehen.
Zustieg

Das Ende des Latschengürtels ist in Sicht, und endlich kommt mir eine erste frische Brise entgegen — lang hält sie leider nicht an. Die senkrechten Rillen in der Flanke des Turms sitzen auf steil stehenden Klüften — dort löst sich der Dolomit zuerst, dazwischen bleiben die Rippen stehen. Im Großen ist das dieselbe Zerlegung, die rechts die ganze Zackenreihe erzeugt hat.
Wandfuß

Das letzte Grün vor dem Kar. Laut Kartenblatt liegt hier keine verwitterte Gesteinsschicht, wie die Travenanzes-Formation ein paar Meter weiter rechts hinter den Latschen, sondern eine eiszeitliche Eiskontakt-Ablagerung: Schutt, der beim Rückzug des Gletschers auf dessen Oberfläche liegen blieb und sich beim Abschmelzen sanft absetzte. Das würde die Verebnung erklären, auch ohne dass darunter weichere Travenanzes-Schichten anstehen. Ab dem Schuttkegel hört das auf — von da an geht es nur noch über loses Material zur Scharte hinauf.
Wandfuß

Hier liegt der Übergang offen, um den es den ganzen Aufstieg geht: oben der graue, gleichmäßig gebankte Hauptdolomit, darunter ein Paket in Gelb, Oliv und Ocker — Ton, Mergel und Rauwacke der Travenanzes-Formation. Weil dieses Paket weicher ist, hat sich die Erosionsrinne genau da eingeschnitten und nicht daneben, wo ich raufgekommen bin. Ich bin hier ein paar Minuten stehen geblieben, so sauber übereinander ist es einfach faszinierend anzusehen.
Fundstück

Aus dem Schutt aufgeklaubt: ein gebogenes Stück Eisen mit zwei Zacken. Ich habe später beim Museo della Grande Guerra in Cortina nachgefragt, um was es sich dabei handelt — die Antwort kam gleich am nächsten Morgen: ein Stiefelnagel, wie er von beiden Seiten im Ersten Weltkrieg verwendet wurde. Solche Nägel gingen häufig verloren und werden bis heute oft gefunden.
Kar

Im Schuttkar. Einen Weg gibt es hier nicht, man sucht sich zwischen den größeren Blöcken die Linie, auf der man am wenigsten zurückrutscht — auf dem Feinschutt macht man zwei Schritte für einen. Das Material ist reiner Sturzschutt aus den Wänden links und rechts, seit dem letzten Winter kaum gesetzt. Von der Hitze in den Latschen ist hier nichts mehr übrig: das Kar liegt zum größten Teil im Schatten, und von hinten zieht kalte Luft nach. Unangenehm war das nicht, beim Schuttgehen wird einem ohnehin warm — aber der Umschwung kam praktisch auf der Stelle.
Detail

Zwei Gesteinsbrocken aus demselben Schuttfeld. Links feinkörnig und durchgehend rotviolett, dabei hart wie der Dolomit ringsum — das Eisen stammt aus einer der tonigen Zwischenlagen der Travenanzes-Formation und hat den Stein durchgefärbt, nicht nur die Oberfläche. Am Rechten sitzen über die ganze Fläche kleine Löcher, alle rund, alle in derselben Größenordnung und in den Größeren sitzt noch ein dunkler Rest: kein leerer Hohlraum also, sondern ein unlöslicher Rest, wie es übrig bleibt, wenn ein Kristall nur teilweise aufgelöst wird. Im Kalkschlamm sind einst Gips- oder andere Kristalle gewachsen — genau solche Sulfat-Einschlüsse in der Travenanzes-Formation sind für den Cristallo in den Kartenerläuterungen eigens dokumentiert. Durchsickerndes Wasser hat sie angelöst, aber nicht vollständig ausgeräumt; zurück blieb die Form des Kristalls, während der Stein ringsum hart bleibt.
Kar

Aus der Enge heraus gibt das Kar den Blick zum ersten Mal wieder nach draußen frei — und hier sieht man ausnahmsweise, wie steil das Ganze wirklich ist. Erst von hier, mit dem Talgrund im Bild, wird sichtbar, dass die Schuttfläche im Vordergrund direkt in die Tiefe kippt und der Waldboden ein paar hundert Meter tiefer liegt. Was sich beim Gehen wie eine mühsame Rampe anfühlt, ist in Wahrheit eine Schutthalde am oberen Ende ihres Böschungswinkels — steiler geht es fast nicht, ohne dass alles abrutscht.
Detail

Aufgehoben, weil die Bruchfläche über die ganze Breite sauber laminiert ist, Lage für Lage im Millimeterbereich. Das ist genau das, was im Kasten weiter oben steht: der Hauptdolomit wurde auf einer flachen Gezeitenebene abgelagert, und hier hat man diese Ablagerung im Handstück vor sich. Jede Lage ein Überflutungs- und Trockenzyklus auf einer Algenmatte im Gezeitenbereich — ein paar Zentimeter Stein sind ein paar tausend solcher Zyklen. Aus demselben Material bestehen die Wände, die hier über tausend Meter aufragen.
Detail

Kurz vor der Scharte. Der Brocken ist auffällig anders als alles bisher: kreideweiß, matt, splittriger Bruch, keine Spur von Bankung — und dabei hart und kompakt, da bröselt nichts. Das Weiß kommt nicht von Zerfall, sondern von der Korngröße: Ein extrem feinkristallines Karbonat streut das Licht an Millionen von Korngrenzen, statt es durchzulassen. Dasselbe Prinzip, das gemahlenes Glas weiß aussehen lässt, obwohl die Scheibe durchsichtig ist. Weil dieses Gestein im oberen Kar ansteht und in kantige Splitter zerfällt, ist der Schutt dort so hell.
Scharte

Ab hier war klar, dass die Wolke vor dem Gipfel nicht mehr weggeht. Sie hängt seit dem Aufbruch in derselben Höhe — schon vom Lärchenwald aus steckte der Gipfel darin, und daran hat sich den ganzen Tag nichts geändert. Über die Rinnen und Kamine ziehen fast schwarze Streifen: Sickerwasserbahnen mit Eisen- und Manganbelag, und sie folgen genau den Linien, durch die die Route gleich hochzieht.
Auflage · Mangan- und Eisenoxide — wenige Zehntelmillimeter stark
Nach Regen und bei der Schneeschmelze läuft das Wasser in Rinnen und Kaminen immer über dieselben Bahnen. Es führt gelöstes Eisen und Mangan mit, das aus den tonig-mergeligen Lagen im Dolomit stammt.
Wo es verdunstet, bleibt ein hauchdünner Überzug aus Eisen- und Manganoxiden zurück, wenige Zehntelmillimeter stark: Mangan färbt fast schwarz, Eisen rostbraun. Über Jahrzehnte werden daraus durchgehende Streifen. Dasselbe Prinzip erzeugt in Trockengebieten den Wüstenlack auf freiliegenden Felsen.
Weil Wasser dem Weg des geringsten Widerstands folgt — Rinnen, Kamine, Verschneidungen —, zeichnen diese Streifen genau die Struktur nach, durch die auch die Route hochzieht.
Detail2.754 m · km 5,0

Der Fels aus der Nähe, und das sind keine Klüfte, sondern die Bankung selbst: durchgehende, gleichmäßig beabstandete Schichtfugen, dazwischen Bänke, die unterschiedlich schnell zurückwittern. Genau diese Flächen sind das Gebrauchsmerkmal der Route — jedes Band in der Ostwand liegt auf so einer Fuge, und was sich davon löst, liegt als flacher Plattenschutt darunter.
Scharte2.755 m · km 5,0

Im Couloir zur Cristalloscharte geht es über hellen, unverfestigten Schutt, bei dem jeder Schritt ein Stück zurückrutscht — ich halte mich an die Ränder, wo grober Bruch liegt. Ganz oben, wo es wirklich steil wird, hat es sich bewährt, links am Fels entlangzuklettern statt im braunen, komplett losen Zeug in der Mitte zu gehen, welches nicht hält, sobald man drauftritt. Links am Wandfuß streicht eine der eisenhaltigen Lagen der Travenanzes-Formation aus, rostorange im Grau.
Scharte

In der Scharte ist die Zustiegsseite zu Ende, ab hier quert der Normalweg über die Bänder der Ostwand - jetzt beginnt der lustige Teil der Tour!
Scharte

Auf der anderen Seite fällt es in ein weites Blockschuttbecken ab, und was darin weiß liegt, ist kein Firnfeld. Das ist der Ghiacciaio del Cristallo, einer der letzten Gletscher der Dolomiten. Sein oberster Teil öffnet sich genau hier zur Scharte, der größere Rest zieht nach Norden hinunter. Er ist, neben dem Westlichen Sorapiss-Gletscher, einer von nur zwei Gletschern der Ampezzaner Dolomiten, bei denen überhaupt noch eine Eismasse zu erkennen ist, die nicht vollständig unter Schutt liegt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war das ein Eisbruch mit Seracs (Türme aus Gletschereis, die sich an den Abbruchkanten zu stärkeren Hangneigungen von Gletschern bilden) und offenen Spalten; heute ist die aktive Zone klein, Spalten fehlen fast völlig und was man Mitte Juli sieht, ist die Altschnee- und Firnauflage darauf. Das Eis darunter zeigt sich nicht mehr.
Grat

Die freistehenden Türme vorne erklären sich über zwei ganz verschiedene Trennflächen im Fels. Die waagrechten Schichtfugen stammen aus der Ablagerung, die steil stehenden Klüfte sind später bei der Gebirgsbildung aufgerissen. Wenn eine Wand zurückweicht, passiert das fast immer entlang der steilen Klüfte: Frost sprengt sie auf, ganze Pfeiler fallen heraus. Die Klüfte entscheiden also, was verschwindet — die Bankung entscheidet, wo man gehen kann. Ein Turm bleibt genau dann stehen, wenn die nächsten beiden Klüfte weit genug auseinanderliegen; wo sie eng stehen, ist die Wand längst abgeräumt. Gegenüber zeigt dieselbe Formation, was daraus im Großmaßstab wird: waagrechte Bankung über die ganze Kette, in jeder Wandflucht auf derselben Höhe. Das ist keine Ähnlichkeit, sondern buchstäblich dieselbe Schicht — der Hauptdolomit wurde auf einer riesigen, sehr flachen Plattform abgelagert, und weil die Schichten seither kaum verkippt wurden, liegt eine einzelne Bank an allen Bergen ringsum ungefähr gleich hoch. Am Cristallo kommt eine dritte Trennfläche dazu: Die Karte weist an den Südwänden zahlreiche flache, oft schichtparallele Überschiebungen aus, die Gesteinspakete übereinanderschieben — ein Grund, warum die Wand mehr Höhenmeter zeigt, als die Dolomia Principale an dieser Stelle jemals mächtig war.
Detail

Keine Verwitterungsform, sondern Fossilien: Die rundlich-ovalen Formen in der Fläche mit deutlichem Randwulst und gewölbter Innenfläche, sind Querschnitte von Megalodonten. Das waren dickschalige Muscheln, die eingegraben im Schlamm der flachen Lagune lebten, und sie sind das Leitfossil genau dieser Formation — die Kartenerläuterungen führen die Gattung als *Neomegalodon*, die jüngere, auf die Dolomia Principale beschränkte Form der Familie. Auf Deutsch nennt man sie Kuhtrittmuscheln, weil zwei nebeneinanderliegende Klappen im Anschnitt aussehen wie der Abdruck eines Paarhufers; im Italienischen heißen sie deshalb orme di vacca, Kuhspuren. Der Fels, über den hier die ganze Route führt, besteht aus dem Boden dieser Lagune, und an einer angewitterten Fläche wie dieser schaut man ihren Bewohnern direkt in den Querschnitt. Ich hab sie leider knapp verpasst, 237–201 Mio. Jahre in etwa..
Relikte

Auf einem Absatz mitten in der Steilwand, wenige Höhenmeter über der Cristalloscharte, steht die Ruine einer Stellung aus dem Ersten Weltkrieg: mehrere Räume in sauberem Trockenmauerwerk, Deckenbalken noch in den Auflagern, daneben ein zweiter Mauerrest und ein Haufen verstürzter Hölzer. Gemauert ist sie aus dem Hauptdolomit, der ringsum ansteht — dieselbe Farbe, dieselbe plattige Bruchform. Heraufgetragen wurde nur das Holz, und das ist bei dieser Lage schon genug. Alles andere lag vor der Tür. Die Scharte selbst war ab dem Sommer 1915 durchgehend italienisch gehalten, am 18. Mai 1916 wurde am Pass eine ständige Besatzung eingerichtet. Zu diesem Gebäude gibt es keine Beschreibung, keine Inschrift und keine Bauaufnahme — es steht einfach da.
Band

Die Flanke ist bis an die Kante mit plattigem Schutt zugedeckt, faustgroß und dünn wie Dachschindeln — dünnbankiger Dolomit, der entlang seiner Bankungsflächen aufspaltet. Bei jedem Tritt schiebt sich die oberste Lage ein Stück ab.
Relikte

Ein paar ausgeblichene Bohlen liegen quer über einer Rinne — der einfachste Bautyp, den es auf einem Kriegssteig gibt: zwei Balken über den Graben, Bretter darauf, kein Geländer. Diese Brücke ist in der Führerliteratur ein fester Begriff. Sie taucht in mehreren Beschreibungen des Normalwegs auf, italienisch als „ponticello di legno“, und die Empfehlung ist überall dieselbe: nicht betreten, tiefer umgehen. Für das untere Band sind mehrere solcher Übergänge als „ponti di guerra“ verzeichnet, also als Kriegsbrücken — der Steg gehört zur selben Anlage wie die Stellung ein Stück weiter unten und nicht zu einer späteren Bergsteigerspur. Das installierte Fixseil hilft bei der Querung.
Ostwand

Der Steinmann am Wandfuß ist kein Einstiegszeichen, sondern einer von vielen: Der ganze Normalweg ist über Steinmänner markiert, vom Kar bis zum Gipfelgrat, und sie sind auf dieser Route die einzige Wegführung, die es gibt. Man geht von einem zum nächsten und schaut sich bei jedem um, wo der Übernächste steht.
Ostwand

Ab hier geht man von Steinmann zu Steinmann, weiter reicht die Sicht eine längere Zeit nicht mehr. Das Band liegt auf einer Schichtfuge im Hauptdolomit — die weichere Lage darunter wittert zurück, die Bank darüber bleibt stehen. Deshalb ziehen diese Bänder so waagrecht durch die Wand, und deshalb funktioniert der Normalweg hier überhaupt.
Ostwand

Ein ausgeblichenes Fixseil an einer Sanduhr im Fels — also um ein durchgehendes Loch, wie es entsteht, wenn zwei Lösungshohlräume von beiden Seiten zusammenwachsen. Wer solche Fixseile wie ich nicht mag, geht einfach über das Seil um die Ecke weiter und klettert dort im unschweren Gelände ab.
Ostwand

Seit der Scharte hängt die Wolke in der Wand und geht nicht mehr weg. Auf den Rippen liegt überall Feinschutt auf blankem Fels.
Ostwand

Für zwei Minuten reißt es auf, und ich sehe zum ersten Mal seit der Scharte wieder hinunter: der Bach im Talgrund, dichter Nadelwald, dazwischen der ganze Höhenunterschied, der seit dem Pass zusammengekommen ist. Dann zieht es wieder zu.
Ostwand

So hat der größte Teil des Aufstiegs ausgesehen. Die Wand verliert sich nach allen Richtungen im Weiß, es bleibt ein Ausschnitt von vielleicht zwanzig Metern, und der wandert mit. So geht es für mich heute, knapp über 400 Hm Wand, von der Scharte auf den Gipfel.
Ostwand

Die aufgereihten hellen Blöcke sind nicht heruntergefallen, sondern gesetzt: eine niedrige Mauer quer über das Band, mit der Hand aufgeschichtet. Sie sagt, dass es hier geradeaus nicht weitergeht. Nach der langen waagrechten Querung über die Bänder führt der Weg jetzt rechts direkt hinauf, und ab da wird über eine längere Strecke geklettert statt gegangen.
Kletterei

Ab hier wird aus dem Gehen Klettern. Im Bild ist der Einstieg schon zu sehen, der gleich danach kommt und über den es hinaufgeht. Der plattige Block links zeigt, wie der Fels zerlegt wird: zwei Kluftscharen stehen fast senkrecht aufeinander, dazu die waagrechte Schichtfuge, und was dazwischen liegt, fällt als rechtkantiger Quader heraus.
Kletterei

Ein Blick zurück über die Querung, so wie man sich beim Gehen umdreht — und in dieser Richtung sieht man den Weg als Ganzes: drei Steinmännchen auf einmal im Bild, die Linie liegt offen da. Stellenweise stehen sie so dicht wie hier, an anderen Stellen weit auseinander; wo sie sich häufen, ist das sehr praktisch, sobald Nebel und Wolken hereinziehen und immer nur der nächste sichtbar ist.
Kletterei

Gegenüber steht die Schichtung so deutlich wie sonst nirgends an diesem Tag: Bank über Bank, jede einen halben bis einen Meter, mit durchlaufenden Fugen dazwischen. Das ist der Hauptdolomit, wie er abgelagert wurde — Lage für Lage.
Kletterei

Ein enger Kamin, in dem oben ein Block verkeilt steckt, darunter hängt ein kurzes schwarzes Fixseil. Das kann man getrost auslassen — die Stelle klettert sich angenehm, und im Rücken hat man einen Tritt zum Dagegensteigen, frontal muss man hier nichts machen. Ein paar Meter höher kommt die nächste Markierung, ein roter senkrechter Strich in der Wand; von dort leicht rechts weiter, wo eine helle Bandschlinge hängt, danach findet man den Weg wieder über die großen Steinmänner. Diese Stelle bin ich übrigens beim Abklettern nicht mehr begegnet. Runter ist etwas schwerer als rauf. Es gibt nämlich auch mehrere Routen, die ebenfalls mit Steinmännchen gekennzeichnet sind. So einer dürfte ich, für eine gewisse Zeit zumindest, dann gefolgt sein.
Ostwand

Zwei flache Platten aufeinander, das genügt als Wegzeichen — ab hier gehe ich nur noch von Steinmann zu Steinmann. Im Hauptdolomit bleibt stehen, was zwischen zwei weit auseinanderliegenden Kluftflächen liegt; wo die Klüfte enger stehen, ist die Wand längst abgeräumt. Hier gings links runter statt quer nach oben, was meine erste Intuition gewesen wäre.
Ostwand

An dieser Stelle bin ich schon zu weit gegangen. Der Weg zweigt ein paar Meter hinter mir ab und führt dort über die Kante hinauf — von hier aus muss man wieder zurück. Das ist die Stelle, die auf der ganzen Route am schwersten zu finden ist: Es liegt kein waagrechter Steinwall am Boden wie weiter unten, es steht überhaupt kein Zeichen da. Man muss die Kante hochklettern, und erst oben stehen wieder Steinmänner, die von unten nicht zu sehen sind.
Auflage · Fe-Oxid, Tonanteil — im Regenschatten
In den Wänden ringsum sind die ockerbraunen Partien nicht andere Schichten als die grauen daneben. Es ist dasselbe Gestein — den Unterschied macht die Lage.
Wo Fels überhängt, läuft nie Wasser darüber. Die Rückstände der Verwitterung — Eisenoxide, Tonanteile, Staub — bleiben dort liegen und färben die Oberfläche ocker bis rotbraun. Was dagegen vorsteht, wird bei jedem Regen abgewaschen; dort siedeln zusätzlich graue Krustenflechten, denen es im Regenschatten der Überhänge zu trocken ist.
Deshalb liest sich die Farbe in einer Dolomitenwand wie ein Abbild ihrer Form: Was ocker ist, hat ein Dach über sich. Was grau ist, steht frei.
Ostwand

Zwei-, dreimal in der Stunde reißt die Wolke für ein paar Sekunden auf, dann sieht man bis auf die Waldhänge hinunter — genug, um zu wissen, wo man ist, zu wenig, um sich danach zu richten. Von hier oben sieht man auch, warum die Stelle vorher so schwer zu finden war: Das kleine Steinmännchen ist von unten überhaupt nicht sichtbar, man muss erst hinaufklettern, um es zu sehen. Dafür liegt jetzt der ganze Weg offen da, den man gekommen ist.
Ostwand

Feste gebankte Schichten sind hier nicht leicht zu erkennen, unter dem ganzen losen Material.
Gipfelaufbau

Ein Steinmann oben auf dem Felskopf. Das Bild ist übrigens ein Blick zurück: Aus dieser Richtung bin ich heraufgekommen.
Gipfelaufbau

Auf so einer Rampe gibt es keine Spur — der Schutt verwischt jeden Tritt, und bei der Sicht geht man von einem Steinmann zum nächsten und dreht sich alle paar Meter um, damit man den Rückweg wiederfindet. In der Bildmitte steht so ein Steinmann, und genau dort hätte eigentlich ein waagrechter Steinwall hingehört: Das Foto ist von oben aufgenommen, hier geht es hinauf. Wer nach der vorigen Stelle auf dieses Zeichen trifft, muss also nach oben abbiegen und nicht weiter der Rampe folgen. Wenn man dem offensichtlich etwas ausgetretenen Pfad folgt, merkt man recht schnell, dass der nur ausgetreten ist, weil viele Leute beim ersten Mal vermutlich hier, so wie ich ebenso kurz davor, einfach weiter gehen. Das macht es für Nachkommende nicht gerade einfach.
Gipfelaufbau

Durch die Rinne hinauf zum Gipfelaufbau, oben stehen gleich zwei Steinmänner. Menschen habe ich hier keine erwartet an dem Tag: Die Letzten sind mir unten auf der Schotterstraße entgegengekommen, seither habe ich niemanden mehr gesehen und ich kann mir ziemlich sicher sein, der Einzige zu sein, der heute auf dem Cristallo unterwegs ist. Die roten Flecken auf den Blöcken links sind keine Gesteinsfärbung, sondern Krustenflechten auf den besonnten Seiten. Die wachsen hier oben ausgesprochen langsam — je nach Art ein Zehntel bis einen halben Millimeter im Jahr, in dieser Höhe eher am unteren Ende. Eine handtellergroße Flechte ist damit ein paar hundert Jahre alt, und man kann über sie das Alter einer Felsoberfläche abschätzen.
Gipfelgrat

Der Grat zieht nach rechts oben weg, und ab hier weiß man nur noch aus dem Höhenmesser, wie weit es noch ist.
Gipfel

Das Gipfelbuch steckt in einer Tüte gegen die Nässe. Laut dem Logbuch war seit sieben Tagen keiner mehr oben.
Gipfel

Job done. Die Sicht ist wie vermutet aber die Freude ist trotzdem groß. Lang bin ich nicht geblieben, dafür war es zu spät — und Aussicht gibt es heute ohnehin keine mehr, egal wie lange ich warte.
Ausklang

Ein paar Minuten nach dem Gipfelkreuz, auf dem Rückweg über den Grat. Ich bin stehen geblieben, weil sich die Wolke zum ersten Mal seit der Scharte bewegt hat. Kurz dachte ich, es reißt vielleicht für ein paar Sekunden auf.
Ausklang

Zehn Minuten nach dem Gipfelkreuz, an dem ich keine zehn Meter weit gesehen habe: die Wolke ist unter mir liegen geblieben, die Obergrenze steht ungefähr auf Höhe der Nachbargipfel, deren Zacken herausragen. Zu sehen ist die Sorapis und der Pelmo. Aufgerissen hat es nur ganz kurz — ein paar Augenblicke, dann war es wieder zu.
Ausklang

Ein paar Augenblicke später, gleiche Blickrichtung: die Nebeldecke ist gestiegen und hat die unteren Wände schon geschluckt. Von unten war genau diese Decke den ganzen Nachmittag der Deckel, der mir die Sicht genommen hat.
Ausklang

Durch ein Loch in der Wolkendecke fällt das Licht in schrägen Bahnen auf die Kette gegenüber. Sichtbar werden die Strahlen nur, weil in der Luft dazwischen genug Feuchtigkeit hängt, an der sie sich brechen — dieselbe Wolke, die mir den ganzen Nachmittag die Sicht genommen hat, macht sie hier erst sichtbar.
Ausklang

Unter mir eine geschlossene Decke, darin der Kessel von Cortina, in dem sich die Stadt mehr erahnen als erkennen lässt.
Abstieg

Die Wolke ist wieder heraufgekommen, damit war die klare Phase erledigt. Jetzt heißt es, den Weg nach unten wieder zu finden..
Abstieg

Der Durchschlupf sitzt auf einer Kluft: entlang der Fuge ist der Dolomit ausgebleicht und mit Limonit imprägniert, daher die kräftig orangebraune Kruste links, während der Zahn rechts unverfärbt und kompakt gebankt ist. Meine Lieblingsstelle ist das trotzdem nicht — der Durchlass schaut hoch aus, tatsächlich muss man auf allen Vieren durchkriechen. Nicht gerade meine Spezialität, auf vier Beinen.. Beim Aufstieg habe ich hier kein Foto gemacht: Ich war mir nicht sicher, ob der Weg überhaupt hier durchgeht. So bin ich einmal durch und habe nachgeschaut — und danach war die Gelegenheit vorbei, beim Aufstieg hier noch ein Foto davon zu machen. Deswegen ist das Bild auf dem Rückweg entstanden.
Abstieg

Schon im Abstieg. Hier bin ich dann doch kurz stehen geblieben: die Wolkendecke gibt gerade rechtzeitig ein paar Momente den Blick frei. Einzelne Gipfel stehen heraus, vom Licht bleibt ein schmaler Streifen am Horizont.
Abstieg

Eine Minute später, an der Scharte, durch die der Abstieg zurück ins Kar führt. Zwischen den beiden Türmen steht die Lücke offen, und in der blauen Stunde steht genau darin der Monte Pelmo — der Berg, der den Nachmittag über hinter der Wolke gesteckt hat.
Nacht

Die letzten Kehren zurück zum Pass. Unten leuchtet Cortina d'Ampezzo aus dem Talkessel herauf, oben steht eine schmale zunehmende Mondsichel zwischen den Wolken. Am Horizont hebt sich die Tofana di Rozes als markante Kante heraus.
Ende des Logbucheintrags
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